Das Diktat der Frühaufsteher

Das Diktat der Frühaufsteher

Das Diktat der Frühaufsteher

Generic selectors
Genaue Treffer
Suche in dem Titel
Suche im Text
Suche in Artikeln
Suche in Seiten
nach Themen filtern
Allgemein
Anzeige
Interviews
Matratzen
Matratzen Ratgeber
Nachrichten
Schlaf gut
Schlafhilfen
Schlafstörungen
Schlafzimmer
SERIE: Einschlafen
Studien
Tests
Videos
Zeitumstellung

 Schlaf gut, Zeitumstellung

 Abini Herzberg

 22.03.2018

 Keine Kommentare

Das Diktat der Frühaufsteher
5 Sterne (3 Votes)

Eine Nation der Frühaufsteher?

Man kann es nicht oft genug sagen: Schlaf ist beste Zeitverwendung und nicht nutzlose Zeitverschwendung!
Tatsächlich würden viele Menschen gern öfter ausschlafen. Doch unser gesellschaftlicher Alltag lässt es meist nicht zu. Das fängt in der Schule an und hört im Job noch lange nicht auf. So tickt halt die soziale Uhr. Wir leben noch wie vor hundert Jahren.
Deutschland gilt dabei als die unbarmherzigste Nation unter den Frühaufstehern. Nirgendwo beginnt der Tag so zeitig – verglichen mit den anderen Ländern Europas. Zudem hat Schlaf hierzulande immer noch kein gutes Image. Warum eigentlich? Ist das ein Überbleibsel der sogenannten preußischen Tugenden? Und: Muss das so bleiben?
Mediziner finden das nicht.

Wie die Sommerzeit den Körper beeinträchtigt

Sozialer Jetlag

Als solchen bezeichnet man die Unstimmigkeit zwischen Innerer Uhr (biologischer Uhr) und äußerer Zeit (soziale Uhr). Wenn diese Uhren unterschiedlich ticken, entsteht eine Verschiebung im eigenen Schlaf-Wach-Rhythmus. Das kann gesundheitliche Folgen haben. Immer noch müssen sich alle Menschen – egal ob Eule oder Lerche – der sozialen Uhr anpassen.
Aber es müsste eigentlich umgekehrt sein: Die soziale Uhr sollte sich der biologischen anpassen.

Die Umstellung auf Sommerzeit ist ein Ereignis, das immer wieder große Aufmerksamkeit auf sich zieht: Unnötig und gesundheitsschädlich finden viele. Denn die Innere Uhr lässt sich nicht wie alle anderen Uhren einfach auf Knopfdruck umstellen. Die menschliche „Innenzeit“ richtet sich nach dem Tag-Nacht-Rhythmus der Erde, erklärt Prof. Till Roenneberg, Leiter der Human Chronobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Idealerweise läuft sie also in einem 24-Stunden-Rhythmus. Roenneberg sagt: „Viele Menschen müssen zu früh aufstehen und leiden unter dem sozialen Jetlag.“

Seine Forderung: „ Arbeitszeiten müssten verschoben werden – und sogar der Schulbeginn.“

Unsere Innere Uhr geht heutzutage nach

Im Vergleich zu unseren Vorfahren sind unsere „Inneren Uhren allerdings sehr spät dran“, so Roenneberg weiter. Das liege vor allem daran, dass die Menschen zu wenig Tageslicht bekommen. Bei immer mehr Menschen geht die Innere Uhr deshalb nach. Sie schickt die Menschen zu spät ins Bett, der Wecker holt sie zu früh aus dem Schlaf. Sie leiden dann eben unter der Verschiebung – der soziale Jetlag wird also durch die Sommerzeit noch verstärkt.

Zwei Beispiele:

  • Wer um 6 Uhr aufstehen muss, hat auf seiner Inneren Uhr im Sommer erst 5 Uhr erreicht – und muss damit zu früh aus dem Schlaf.
  • Wer dagegen um 23 Uhr ins Bett gehen müsste, um zumindest auf sieben Stunden Schlaf zu kommen, ist oft noch nicht müde genug – denn die Innere Uhr zeigt ja erst 22 Uhr an.

Die Sommerzeit verlegt dann unsere sozialen Verpflichtungen einfach noch eine Zeitzone weiter nach Osten – so als arbeite man in Osteuropa, lebe aber in Berlin, Köln oder München.
Das Fazit: Je größer der Unterschied zwischen unserer biologischen und unserer sozialen Zeitzone ist, desto größer sind die Chancen krank zu werden – von metabolischen bis hin zu psychischen Problemen.

Für immer Sommerzeit?

Wäre es also eine gute Lösung, immer bei der Sommerzeit zu bleiben? Laut Roenneberg keinesfalls. Die Zeit, in der jeder Mensch eine Stunde früher zur Arbeit muss, würde ja von sieben auf zwölf Monate verlängert. Besonders darunter zu leiden haben dann die biologischen Eulen, die ohnehin schon als soziale Lerchen arbeiten müssen. Hinzu komme, dass die Innere Uhr im Winter noch später dran ist als im Sommer. Der Wecker reißt einen also noch früher aus dem Schlaf.

Wir leben zu „früh“

Unsere soziale Uhr tickt noch wie vor hundert Jahren: Als die Landwirtschaft den Takt vorgab und auch die Bürozeiten den Frühtypen angepasst waren. Als die Geschäfte noch nicht bis 21 Uhr geöffnet hatten, die Clubs und Restaurants auch nicht. Als es noch keine Globalisierung und somit auch noch keine 24-Stunden-Gesellschaft gab.
Wenn wir uns heute zwischen Arbeit, Freizeit und Schlaf entscheiden müssen, kommt der Schlaf immer zu kurz. Flexiblere Arbeitszeiten wären – da, wo es möglich ist – eine Gelegenheit, viel öfter ausreichend Schlaf zu bekommen. Die Lerche könnte dann früh beginnen, weil es ihr leicht fällt, morgens früh aufzustehen. Die Eule könnte später zur Arbeit gehen. Solche Gleitzeiten würden auch der deutschen Wirtschaft gut tun, weil sie ausgeschlafenere Mitarbeiter hätte.

Jugendliche werden in „ihrer Mitternacht“ unterrichtet

Schulbeginn in Europa

  • In Österreich fängt die Schule mitunter schon um 7.00* Uhr an,
  • in Deutschland in der Regel um 8.00* (jedoch mit regionalen Differenzen: Sachsen Anhalt um 7.30, Baden-Würtemberg mitunter erst 9.00),
  • Finnland, Schweden, Island und Norwegen startet um 8.00*,
  • Portugal, Frankreich, Italien, Spanien und England um 9.00* Uhr.

* Unverbindliche Angaben, es gibt in einigen Ländern zusätzliche lokale Unterschiede

Schlafforscher fordern auch schon länger einen späteren Schulbeginn. 9 Uhr wäre eine gute Zeit, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM), Alfred Wiater. Ein Beginn noch vor acht Uhr sei „sicherlich problematisch“. Und wenn schon, dann solle der Schultag mit Fächern wie Sport, Kunst oder Musik anfangen und nicht mit Mathe oder Physik.
Der im europäischen Vergleich eher frühe Schulbeginn in Deutschland mache insbesondere Schülern ab der Pubertät zu schaffen, so Wiater weiter. Es setze dann ein „Time-Shifting zum Spät-Typen" ein. Dementsprechend kommen viele Jugendliche unausgeschlafen zur Schule.

Der Tag sollte erst um 9 beginnen

Schule beginnt viel zu früh

Leeres Klassenzimmer: Die Schule beginnt viel zu früh!

Eine Studie der Universität Leipzig (2017) zeigt, dass schon eine halbe Stunde weniger Schlaf die Leistungsfähigkeit in der Schule um 30 Prozent reduziere. „Wenn wir über eine Bildungsoffensive nachdenken, dann sollte auch der frühe Schulbeginn zur Diskussion stehen", fordert Wiater. Der Chronobiologe Till Roenneberg bringt es deutlich auf den Punkt: „Jugendliche werden in ihrer Mitternacht unterrichtet.“
Ein Vorschlag der deutschen Schlafforscher lautet: Unterrichtsbeginn in der Unterstufe um 8.00, in der Mittelstufe um 9.00 und in der Oberstufe erst um 10.00 Uhr. Mehr Schlaf in der Nacht wird dann die Tagesleistungen der Schüler spürbar verbessern.

Deutschland braucht eine neue Schlafkultur

Obwohl Schlafmangel die Gesundheit gefährdet, gilt wenig Schlaf in unserer Leistungsgesellschaft absurderweise immer noch als chic. Hier muss sich die Wahrnehmung dringend ändern! Schlaf sollte in der Prävention künftig genauso viel Beachtung finden wie gesunde Ernährung, körperliches Training und Raucherentwöhnung. Das anhaltend schlechte Image des Schlafs bereitet Medizinern ernsthaft Sorgen.

Das sagen die Mediziner:

"Deutschland braucht eine neue Schlafkultur, in der es nicht mehr als bewundernswert gilt, wenn jemand behauptet, mit vier Stunden Schlaf auszukommen."
Alfred Wiater, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)

"Wenn wir wenig schlafen, fühlen wir uns als Helden."
Professor Winfried Randerath, (DGSM)

"Schlaf hat irrtümlicherweise ein schlechtes Image."
Jürgen Zulley, Schlafforscher aus Regensburg 

Frühaufsteher vs. Spätaufsteher

Paradox auch, welche moralischen Werte den jeweiligen Schlaftypen zugeordnet werden. Diese Zuschreibungen sind noch sehr traditionell behaftet und überhaupt nicht in der Gegenwart angekommen.

Frühaufsteher

gelten schlichtweg als zuverlässig, tatkräftig, fleißig, dynamisch und leistungsfähig. Eben als tugendhaft und moralisch einwandfrei. So klingen die althergebrachten Volksweisheiten auch immer heiter zuversichtlich.

„Morgenstund hat Gold im Mund.“
„Nur der frühe Vogel fängt den Wurm.“
„Wer früh aufsteht, dem hilft Gott.“

Und wenn heute der Einzelhandel in der Werbung einen „Frühaufsteher-Rabatt“ verspricht – klingt das nach  Belohnung. Selbst im World Wide Web halten sich hartnäckig „ultimative Tipps, wie aus Langschläfern Frühaufsteher werden“  –  also aus den Bösen die Guten?
Aber: Warum sollte man das eigentlich werden und damit gegen seine Innere Uhr leben?

Spätaufsteher

werden schon mal gern als Langschläfer, Schlafmütze oder Penner verunglimpft; in Lexika sogar bis heute als Faulpelze. Oft gelten sie auch als Morgenmuffel (was sie nach zu wenig Schlaf vielleicht auch sind). Ihnen werden Eigenschaften zugeschrieben wie: bequem, faul, lethargisch, undiszipliniert und eher arbeitsscheu. Das klingt alles nicht freundlich.
Und es hat Tradition. Schon Heinrich, der IV. sagte:

„Vielesser und Langschläfer sind unfähig zu großen Taten.“

Nun gut, da kannte Heinrich, der IV. die heutigen Studien auch nicht, die behaupten: Langschläfer seien kreativer, geselliger, erfolgreicher und sozial kompetenter.

Das Kartell der Frühaufsteher

Morgenmuffel vs. Early Bird – das scheint ein Glaubenskampf zu sein, der sich auch nicht von wissenschaftlichen Argumenten beeindrucken lässt. Dabei geht es doch gar nicht um besser und schlechter. Es geht um eine Lösung. Doch davon sind wir momentan noch weit entfernt.

Lerchen sind in der Minderheit. Aber sie dominieren die Gesellschaft. Schon ist vom „Kartell der Frühaufsteher“ die Rede. Zu jenem Kartell werden vor allem Beamte, Funktionäre und Politiker gezählt. Natürlich nicht alle, denn auch unter ihnen gibt es nun mal Eulen – also Spätaufsteher. Das bewies eine Abgeordnete erst kürzlich im EU-Parlament, als sie von der „Diktatur der Lerchen“ sprach – damit meinte sie, dass die Frühaufsteher sich oft Entscheidungen anmaßen, gegen die sich die Eulen nur schwer wehren können.

Nun macht es aber wenig Sinn Frühaufsteher und Spätaufsteher gegeneinander auszuspielen – zumal die große Mehrheit übrigens weder noch ist, die Mehrheit sind die sogenannten Normaltypen. Besser wäre es doch, für alle eine gewinnbringende, erfreuliche und gesunde Lösung zu finden. Und alle Stigmatisierungen der Vergangenheit angehören zu lassen.

Man kann es wirklich nicht oft genug sagen: Schlaf ist beste Zeitverwendung und nicht Zeitverschwendung!
Wenn wir doch endlich etwas ausgeschlafener wären – im Denken und im Handeln.

Text mit dpaTitelfoto:pixabay.com Free-Photos ID:692517


Weitere interessante Artikel zum Thema:

Welcher Typ bist Du? Und kannst Du auch in Deinem Biorhythmus leben?

Diesen Artikel kommentieren